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Der goldene Greif1. Eine schicksalhafte BegegnungGrollend krachte der Donner gegen die schroffen Felswände. Der wütende Sturm verschlang jedoch das Echo, und selbst die gleißenden Blitze konnten den dichten Vorhang des niederströmenden Regens kaum durchdringen. Die naßschweren Schwingen der verwundeten Greifin konnten ihren gewaltigen Körper kaum noch tragen, als sie mit letzter Kraft versuchte, die Höhe des auf einer Felsnase thronenden Adlerhorstes zu erreichen. Geschwächt von der Wunde an ihrer Seite, in der noch der abgebrochene Pfeil steckte, und schwerfällig durch die Last der Eier in ihrem Leib, kämpfte sie fast vergeblich gegen die Gewalt des Sturms an. Sie erkannte, daß ihre Wunde tödlich war und ihr nur noch kurze Zeit blieb, den Horst zu erreichen, der die einzige Hoffnung für ihren Nachwuchs war. Aber sie wußte auch, daß ihr Unternehmen fast aussichtslos war. Beide Adler saßen im Nest, und sie mußte sie zunächst vertreiben, um ihre eigenen Eier hineinlegen zu können. Dabei durfte sie die Vögel nicht verletzen, denn die Adler sollten für die Aufzucht ihrer Jungen sorgen, die sie selbst niemals sehen würde. Würde ihr aber genug Kraft verbleiben, den Kampf zu bestehen, denn die riesigen Adler würden sich wohl kaum ohne Gegenwehr vertreiben lassen? Ein heißer Schmerz zuckte von der Wunde durch ihre Brust, der die gewaltigen Schwingen fast erlahmen ließ. Dann jedoch hatte die Greifin den Adlerhorst erreicht. Kampfbereit zischend, mit gespreizten Flügel, die scharfen Schnäbel drohend geöffnet, erwartete das Adlerpaar den mächtigen Eindringling. Scharfe Krallen rissen Stücke aus dem seidigen Fell der Angreiferin, dessen goldener Glanz erloschen und von Blut und Schmutz überkrustet war. Doch dann fegte die Greifin mit zwei mächtigen Hieben ihrer Klauen die Verteidiger vom Rand des Horstes. Taumelnd stürzten sie in die Tiefe, hatten sich jedoch bald wieder gefangen und attackierten nun die Greifin erneut von außerhalb des Nestes. Zwei weitere furchtbare Hiebe vertrieben aber nun die Vögel endgültig aus der Nähe des Horstes. Sie ließen sich in einiger Entfernung auf einem Felsvorsprung nieder und beobachteten verstört, was dort in ihrer Behausung vorging. Erschöpft ließ sich die Greifin nieder. Heftige Krämpfe schüttelten ihren Leib, als sich nun die Geburt des ersten Eis ankündigte. Und dann lag es im Nest: äußerlich nur durch seine Größe vom Gelege der Adler zu unterscheiden - und doch barg sein Inhalt den Lebensfunken eines der mächtigsten Wesen seiner Zeit! Die Fänge der Greifin umschlossen eines der Adlereier. Ungesehen von den Altvögeln warf sie es über den Nestrand. Sie kam nicht mehr dazu, auch noch das zweite Ei zu entfernen. Mit scharfem Schmerz umkrallte der Tod das Herz der Greifin, und sie stürzte lautlos in die Tiefe. Nach kurzer Zeit kehrten die Adler zum Horst zurück und fanden ihr Gelege unversehrt und vollzählig. Den Größenunterschied des einen Eis schienen sie nicht zu beachten. Nichtsahnend setzte das Adlerweibchen sein Brutgeschäft fort. Auf dem dunklen Grund der Schlucht lag der zerschmetterte Körper der Greifin - doch hoch oben auf dem Felsen wuchs ihr Nachkomme dem Leben entgegen. Wochen vergingen. Ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten hatten die Adler das zweite Ei nicht entfernt, nachdem das erste Junge geschlüpft war. Und so kam der Tag, an dem es sich auch im zweiten Ei zu regen begann. Die Schale barst. Naß, die winzigen Flügel eng an den flaumigen Leib gepreßt, schlüpfte der junge Greif. Zärtlich zog das Adlerweibchen das kleine Geschöpf unter ihre Brustfedern, wo es sich eng an seinen Ziehbruder schmiegte. Das Adlerweibchen schien nichts außergewöhnliches an seinem zweiten Kind zu bemerken. Gut versorgt von den Altvögeln wuchsen die beiden Jungen heran. Bald übertraf der kleine Greif jedoch das Adlerjunge und kurze Zeit später auch die Pflegeeltern an Größe. Unermüdlich plagten sich die Adler, den gewaltigen Appetit ihres Zöglings zu stillen und auch den allzeit hungrigen eigenen Nachkommen zu versorgen. Der junge Greif gedieh prächtig. Schon wölbte sich die breite Brust unter dem glatter werdenden Gefieder, und das noch jugendfalbe Fell des Leibes bekam allmählich seinen goldenen Glanz. Samtige Hintertatzen entblößten im spielerischen Kampf mit dem ungleichen Bruder blitzende Krallen, während die Vorderklauen von schimmernden Hornplättchen überzogen waren. Schon übte er die riesigen Schwingen auf dem Rand des zu eng gewordenen Horstes, als ihn zum zweiten Mal der Pfeil eines Jägers der Mutter beraubte. Kreischend vor Schmerz und Wut hatte sich das Adlermännchen auf den Mörder gestürzt. Die scharfen Krallen in das Fleisch des Frevlers vergraben, zerrte es den Mann aus seinem sicheren Stand auf dem Felsen. Doch zu Tode getroffen vom Dolch des Jägers, war der Adler mit seinem Opfer in die Tiefe gestürzt. Bald hallten die Klageschreie der beiden Jungtiere von den Felswänden wieder. Der Hunger wühlte in ihren Eingeweiden, und eng zusammengeschmiegt suchten sie Trost beieinander. Lange Zeit warteten die Verlassenen, doch das Adlerpaar kam nicht wieder. Immer matter wurden die Rufe der noch nicht flüggen Jungtiere. Schon fanden sie nur noch Kraft für vereinzelte, flehende Rufe - doch jemand hatte die Stimmen gehört! Durch die unwirtliche Bergregion, die nur selten eines Menschen Fuß betrat, suchte ein junger Mann seinen beschwerlichen Weg. Er mochte erst wenig über zwanzig Sommer zählen. Seine Gestalt war groß und kräftig, aber sein Gesicht und sein Körper waren von Strapazen und Entbehrungen gezeichnet. Wangen und Kinn bedeckte ein jugendweicher Bart. Seine Kleidung war schmutzig, und durch zahlreiche Risse schimmerte die von der Sonne gebräunte Haut. Das helle Haar hing ihm in unordentlichen Strähnen bis auf die Schultern nieder. Über seinem Rücken trug er einen selbstgefertigten Bogen und einen Köcher aus Hasenfell, in dem handgeschnitzte Pfeile steckten. Dies und ein langer Dolch im Gürtel bildete seine ganze Bewaffnung. Trotz seines abgerissenen Äußeren hatte die Haltung des Jünglings etwas Edles, und die blauen Augen blickten stolz und trotzig. Seine Kleidung, so schäbig sie auch aussah, war aus feinem Material und von gutem Schnitt, und hier und da waren noch Stücke von goldenen Litzen und Borten übrig. Das Schuhwerk paßte jedoch genau so wenig zu dem kostbaren Stoff seines Anzugs wie Köcher und Bogen. Statt Stiefeln oder Schuhen hatte sich der junge Mann zwei Felle von Kaninchen mit der Fellseite nach innen um die Füße gewickelt und sie mit Riemen aus dem selben Material festgebunden. Diese mangelhafte Fußbekleidung schien den Jüngling jedoch wenig zu stören, denn er schritt geschwind über das Hochplateau, in dessen fast senkrecht abfallender Seitenwand sich der Adlerhorst befand. Nur wenige Schritte vom Abgrund entfernt wanderte er auf das Ende des Plateaus zu, das sich zu einem Paß zwischen zwei Bergspitzen absenkte. Als der Mann sich der Stelle näherte, unter der in der Felswand die beiden dem Tod geweihten Jungtiere hockten, stieß der Greif einen klagenden Schrei aus. Bei diesem Ton fuhr der Jüngling zusammen, und seine Hand tastete nach dem Dolch. Suchend blickte er sich um, woher der Laut gekommen sein mochte. Doch nichts regte sich. Wieder schrie der junge Greif, als ob er die Nähe eines anderen Wesens spüren würde. Der Jüngling hatte nun die Richtung erkannt, aus welcher der Schrei gekommen war. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem Abgrund und spähte in die Tiefe. Er konnte jedoch nur den Rand des Horstes sehen, da der Rest von einem Felsvorsprung verdeckt war. Deshalb legte er sich auf den Boden und schob sich so weit wie möglich vor. Das grenzenlose Erstaunen über das, was er sah, malte sich auf seinem Gesicht ab. Da löste sich ein Stein von der Kante des Felsens und sprang scheppernd in die Tiefe. Die beiden Jungtiere im Nest hoben mühsam die Köpfe, und die flehenden Blicke aus den matten Augen ließen das Herz des Jünglings vor Mitleid schmelzen. "Habt keine Angst! Ich werde euch helfen!" rief er hinunter und sprang dann auf. Doch wie sollte er das anfangen? Der Horst lag gut fünf Meter unter dem Rand, und die glatte Felswand bot keinerlei Halt zum Hinunterklettern. ,Ich muß genau überlegen, dachte der Jüngling. ,Wie seltsam! Das ist doch ein junger Greif da unten im Horst. Es muß einer sein, obwohl ich noch nie einen gesehen habe. Aber er sieht genau so aus, wie man es mir immer beschrieben hat. Ein seltener Fund ist das! Es soll nur noch wenige geben. Dieser ist wohl von einem Adlerpaar aufgezogen worden, doch den Alten scheint etwas zugestoßen zu sein, sonst wären die beiden Jungen nicht so schwach. Was kann ich tun, um sie zu retten? Heraufholen kann ich sie nicht, und was sollte es nützen, zu ihnen hinunterzusteigen? Wir würden nur alle drei verhungern, wenn ich nicht wieder heraufkäme. Ja, das ist es! Sie brauchen dringend Nahrung. Aber die kann ich auch zu ihnen hinabwerfen.' Er nahm den Bogen von der Schulter und rannte ein Stück in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Dort hatte er einige Erdlöcher von Murmeltieren gesehen, denen er jedoch keine Beachtung geschenkt hatte, da er noch einige Stücke gebratenes Kaninchenfleisch bei sich trug. Doch das war wohl nicht das Richtige und auch nicht genug für die beiden ausgehungerten Tiere. Da war ein fettes Murmeltier schon etwas ganz anderes! Als er sich den Murmeltierbauen näherte, pirschte er sich vorsichtig um die Ecke eines Felsbrockens. Als der Pfeil davon schnellte, erblickte der Wachtposten der Murmeltiere den Jäger und stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Wie der Blitz verschwanden die Murmeltiere in ihren Löchern. Doch für eines war die Warnung zu spät gekommen: der Pfeil hatte sein Ziel erreicht! Rasch war der junge Mann bei seiner Beute und schwang sich das feiste Tier auf die Schulter, nicht ohne jedoch vorher den kostbaren Pfeil wieder an sich zu nehmen. Bald hatte er wieder die Stelle über dem Adlerhorst erreicht. Er zog seinen Dolch und zerteilte die Beute in faustgroße Stücke, da er annahm, daß die beiden Jungtiere zu schwach waren, das Fleisch selbst zu zerreißen. Dann legte er sich wieder auf den Boden und ließ das erste Stück in den Horst fallen. Wieder schauten die beiden Tiere auf und wandten sich dann dem Brocken zu. Der junge Adler versuchte, ihn zu verschlingen, doch das Stück war zu groß für ihn. Nun langte der Greif nach dem Fleisch. Für ihn schien der Brocken gerade richtig zu sein, und mit einem Ruck hatte er ihn verschlungen. Nun ließ der Jüngling Brocken auf Brocken in die Tiefe fallen, kleinere Stücke für den Adler, die großen für den Greif. Langsam und mit großer Anstrengung verzehrten die Tiere die lang entbehrte Nahrung. Dankbare Blicke aus vier Augen trafen den jungen Mann, dann krochen die beiden Jungen eng zusammen und schliefen erschöpft ein. Eine Weile noch beobachtete der Jüngling die beiden Geschöpfe, dann erhob er sich und setzte sich in der Nähe nieder, den Rücken an einen Stein gelehnt. Nachdenklich schaute er vor sich hin. Er schien ratlos und unentschlossen zu sein. Mit der einen Fütterung der Tiere war es nicht getan. Das hatte sie nur vor dem unmittelbaren Verderben gerettet. Sie waren fast flügge, aber es würden immerhin noch einige Tage vergehen, bis sie das Nest aus eigener Kraft verlassen konnten. Bis dahin waren sie auf seine Hilfe angewiesen. Doch konnte er es wagen, so lange hier auszuharren? Um seine Verpflegung machte er sich keine Gedanken. Es gab hier genug Kleinwild für ihn und die Tiere, und an einer Quelle war er kurz vorher vorbeigekommen. Das Wetter war gut, und Nachtfröste waren um diese Jahreszeit auch noch nicht zu erwarten, selbst hier im Gebirge nicht. Aber er hatte ein anderes Problem: er war auf der Flucht! Nachdem sein Vater, der König von Ruwarad, gestorben war, hatte er, Raigo, die Nachfolge antreten sollen. Alles war schon für die Krönung bereit gewesen, die am nächsten Tag hatte stattfinden sollen, als er am späten Abend erfuhr, daß einige der Fürsten, aufgestachelt vom Bruder seines Vaters, eine Revolte planten. Er hatte dabei getötet werden sollen, damit sein Onkel die Macht übernehmen konnte. Schon hatte er die Schritte der Mörder auf dem Gang gehört, und nur das Wissen um einen Geheimgang hatte ihm die Flucht ermöglicht. Drei Wochen lang war er nun schon, jede menschliche Behausung meidend, auf die Berge zu geflüchtet. Oft hatte ihn nur das Glück seinen Verfolgern entzogen, die ihm dicht auf den Fersen waren. Vor zwei Tagen jedoch war es ihm gelungen, seine Spur zu verwischen, und seit dieser Zeit hatte er die Häscher nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er hoffte, daß es ihnen nicht mehr gelingen würde, ihn in diesem unübersichtlichen Gelände aufzustöbern. Bliebe er aber hier auf der Hochebene, konnte der Zufall sie wieder zu ihm führen. Er wußte genau, daß er die Berge nicht lebend verlassen würde, wenn die Schergen seines Oheims ihn in die Hände bekamen. Doch die Neugier, ein so ungewöhnliches Wesen wie den Greif aus nächster Nähe beobachten zu können, ja, vielleicht sogar seine ersten Flugversuche zu sehen, siegte über die Furcht vor einer möglichen Entdeckung. Raigo beschloß zu bleiben. Er war gewiß, fanden ihn seine Verfolger nicht, würden sie auf der anderen Seite des Gebirges auf ihn warten. Denn auch für einen Mann zu Fuß gab es nur drei Wege, auf denen er das Gebirge verlassen konnte: den Weg zurück nach Ruwarad und die beiden Pässe nach Imaran, dem Nachbarland. Käme er jedoch nach einer gewissen Zeit auf keinem der Wege wieder zum Vorschein, würden seine Verfolger vielleicht annehmen, er sei verunglückt, und die Suche nach ihm einstellen. So konnte sein Entschluß zu bleiben gerade das Richtige sein. Raigo suchte im letzten Licht des Tages nach einem geeigneten Schlafplatz. Bald hatte er eine windgeschützte Stelle zwischen einigen Felsbrocken gefunden, an der dickes Moos wuchs. Lange Flechten hingen von den umliegenden Steinen. Raigo riß eine Menge davon herunter und schichtete sie auf das Moos. Als er sein Werk danach betrachtete, fand er, daß er in den letzten Wochen selten ein so komfortables Lager gehabt hatte. Nachdem er seinen Fleischvorrat gegessen hatte, legte er sich auf sein weiches Moosbett nieder. Seine Gedanken wanderten zu dem seltsamen Erlebnis des Tages zurück. Ein Greif! Ein wirklicher Greif! Er versuchte, sich zu erinnern, was ihm sein Lehrer von diesem mächtigen Tier erzählt hatte. Viel war es nicht, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Es hieß, daß es nur noch wenige Greifen gäbe, ja, manche Leute behaupteten sogar, sie seien nur Sagenwesen. Doch daß das nicht stimmte, hatte er mit eigenen Augen gesehen. Goldschätze sollten sie hüten, aber dieser hier war wohl kaum der Hüter eines Schatzes. Dabei wäre Raigo ein solches Schatz sehr zupaß gekommen. Er hätte damit ein Heer rüsten können, um seinen Onkel vom Thron zu vertreiben. Aber eigentlich wollte er das gar nicht. Ihm lag nicht viel an der Herrschaft. Wäre ihm nicht die Krone bestimmt gewesen, wäre er viel lieber ausgezogen, sich die Welt zu besehen. Wenn sein Oheim auch skrupellos war, so war er doch klug und würde das Land gut regieren. Doch glaubte er, daß jeder so machtgierig sei wie er und wollte den Neffen daher beseitigen, damit sein Herrschaftsanspruch unantastbar war. Raigo seufzte. Hätte sein Onkel doch nur mit ihm geredet! Er hätte ihm freiwillig für lange Zeit den Thron überlassen. Dann hätte er jetzt gut ausgerüstet durch die Lande ziehen können, um Abenteuer zu erleben und seinen Tatendrang zu stillen. Wieder kehrten Raigos Gedanken zu dem Greifen zurück. Man sagte, daß diese Geschöpfe übernatürliche Kräfte besäßen. War er vielleicht gar nicht freiwillig hier entlang gekommen? Hatte vielleicht ein unhörbarer Ruf des jungen Greifen ihn hierhergeführt? Raigo fühlte sich auf einmal unbehaglich. Konnte er wissen, ob ihn das mächtige Tier nicht angriff, wenn es erst einmal den Horst verlassen konnte? Doch dann verwarf er seine Bedenken. Dies war so ein Abenteuer, wie er es so oft in seinen Träumen hatte bestehen wollen. Und nun würde er ihm mutig entgegengehen, komme, was da wolle! Zufrieden mit seinem Entschluß drehte er sich auf die Seite und schlief ein. Die nächsten fünf Tage verbrachte Raigo damit, für sich und die beiden Tiere auf die Jagd zu gehen. Diese Aufgabe erwies sich als schwieriger, als er gedacht hatte, denn die schlauen Murmeltiere waren gewarnt, und nur noch einmal gelang es Raigo, sie zu überlisten. So mußte er weite Strecken zurücklegen, um genügend Wild zu finden. Einmal gelang es ihm, eine Bergziege zu erlegen. Doch auch dieses Fleisch war schnell verbraucht, denn besonders der Appetit des jungen Greifen wuchs von Tag zu Tag. Die beiden Tiere hatten sich erstaunlich schnell erholt. Schon drei Tage nach Raigos erster Futtergabe hatte der Greif seine Flugübungen wieder aufgenommen, und nun begann auch der Adler, seine Flügel zu erproben. Wenn er genug erjagt hatte, lag Raigo stundenlang über ihnen auf dem Felsrand und sah ihnen zu. Immer wieder schauten die beiden Tiere zu ihm hoch, fast so, als wollten sie für ihre Bemühungen seinen Beifall heischen. In all der Zeit hatte Raigo nichts von seinen Verfolgern bemerkt und war zu der Ansicht gekommen, daß sie nicht länger nach ihm suchten. So war seine Wachsamkeit nach und nach eingeschlafen, und manchmal vergaß er über dem faszinierenden Schauspiel, das sich ihm bot, seine alles andere als aussichtsvolle Lage. Am Nachmittag des sechsten Tages lag Raigo wieder am Abgrund, um den Tieren zuzusehen. Sie hatten gerade die letzten Reste der Mahlzeit verschlungen, die er zu ihnen heruntergeworfen hatte, und setzten nun ihre Übungen fort. Raigo fiel auf, daß den jungen Greif eine heftige Unruhe befallen hatte. Immer wieder schlug er mit den gewaltigen Schwingen und sprang hoch in die Luft. Dabei stieß er leise, krächzende Laute aus wie jemand, der ungeduldig vor sich hin murmelt. Gespannt blickte Raigo in die Tiefe. Und da - mit einem Sprung stürzte sich der Greif über den Rand des Felsvorsprungs, auf dem der Horst ruhte. Raigo stockte der Atem, denn das Tier schien zu fallen. Doch dann griffen die Aufwinde unter die ausgebreiteten Flügel. Anfangs noch etwas taumelig, doch dann mit immer größer werdender Sicherheit segelte das gewaltige Wesen über Raigos Kopf. Dieser war aufgesprungen und starrte atemlos auf das grandiose Bild, das ihm dieses seltsame Geschöpf in seiner erhabenen Majestät bot. So gefesselt war Raigo von dem prachtvollen Anblick, daß er nicht bemerkte, daß auch der junge Adler den Abstoß vom Nest gewagt hatte und sich nun anschickte, mit seinem ungleichen Bruder in den Lüften in Wettstreit zu treten. Und noch etwas war Raigos Aufmerksamkeit entgangen: In dem engen Zugang zu dem Felsplateau waren zwei Reiter erschienen! Als sie der Gestalt ansichtig wurden, die dort auf dem Rand des Abgrunds stand und, die Augen mit der Hand beschattend, in die Höhe sah, gaben sie ihren Pferden die Sporen und stürmten auf Raigo zu. Das laute Hufgeräusch ließ diesen aus seiner Versunkenheit aufschrecken. Wie der Blitz fuhr er herum und sah die beiden Reiter mit gezückten Schwertern auf si sich zu galoppieren. ,Jetzt ist es aus!' fuhr es Raigo durch den Kopf. ,Ich war zu leichtsinnig. Doch wenn ich jetzt auch sterben muß, ich habe das Schönste gesehen, was menschlichen Augen je zu sehen vergönnt war.' Fast hatten die Reiter Raigo erreicht, und dieser erwartete sie, den Dolch in der Hand, um sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Da erscholl aus der Höhe ein durchdringend-heller Schrei, und der Greif stürzte mit angelegten Flügeln in die Tiefe. Schon drangen die beiden Angreifer auf Raigo ein, um ihn mit ihren Schwertern über den Rand des Abgrunds zu treiben, als sie nun entsetzt innehielten. In maßlosem Schrecken starrten sie nach oben. Kurz über ihnen hatte der Greif seinen Sturzflug abgefangen. Mit weit aufgerissenem Schnabel, die gewaltigen Klauen und Pranken im Angriff vorgestreckt, attackierte er die beiden Männer. Das blanke Entsetzen stand in den Augen der Soldaten. Sie ließen ihre Schwerter fallen und versuchten vergeblich, sich gegen die mörderischen Krallen und die furchtbare Waffe, den Greifenschnabel, zu schützen. Ihre Pferde bäumten sich in Panik, und das eine stürzte in kopfloser Flucht mit seinem Reiter in die Tiefe. Das andere Roß warf seinen Reiter ab und jagte auf das Felsengewirr zu, in dem Raigo seinen Schlafplatz hatte. Scharfe Fänge griffen nach dem Abgeworfenen und krallten sich in seinen Körper. Mit seinem schreienden, sich windenden Opfer in den Krallen erhob sich der Greif mühelos vom Boden und stieg in die Höhe. Über dem Abgrund öffneten sich die messerscharfen Klauen, und mit verwehendem Schrei fiel auch der zweite Angreifer dem Tod entgegen. Raigo hatte seit dem Angriff des Greifen wie betäubt am Rande der Schlucht gelegen, wo er beim Ansturm der Soldaten niedergestürzt war. Obwohl das Ganze nur wenige Minuten gedauert hatte, kam es Raigo vor, als befände er sich in einem quälend langsam ablaufenden Alptraum. Von den vielfältigen Gefühlen, die ihn während dieser Zeit überwältigt hatten, war nur noch grenzenlose Verwunderung übriggeblieben. Ein Schrecken hatte den anderen gejagt, bis er begriffen hatte, was da vor sich ging. Den Tod durch das Schwert oder den Sturz in den Abgrund vor Augen, hatte er sich dann noch durch die Krallen des Greifen bedroht gesehen, bis ihm klar wurde, wem der Angriff des Wesens galt. Kaum hatte er sich wieder gefaßt, als das durchgehende Pferd ihn beinahe mit in die Tiefe gerissen hätte. Im letzen Augenblick hatte sich Raigo flach auf den Boden geworfen, und das Tier war über ihn hinweggesetzt. Schaudernd blickte er in die Schlucht, in der seine Gegner ihr Ende gefunden hatten. Doch seine Verwunderung sollte noch größer werden. Rauschende Flügelschläge kündeten die Rückkehr des Greifen an. Nur etwa drei Schritte von Raigo entfernt ließ sich das Wesen auf dem Boden nieder. Halb mit Furcht, halb mit Freude erhob sich Raigo. Nun sah er die gewaltigen Formen seines Pfleglings dicht vor sich. Der geschmeidige Löwenkörper war von einem dichten, seidigen Fell bedeckt, das im Licht der niedergehenden Sonne golden erstrahlte. Die riesigen Schwingen lagen zusammengefaltet an dem schlanken Leib, der sitzend auf den Löwenpranken ruhte. Die Vorderklauen waren geformt wie die eines Adlers und mit glänzenden Hornplättchen wie mit kleinen Goldmünzen überzogen. Auf dem stolzen Nacken saß ein Adlerkopf, aus dessen nachtschwarzem Gefieder goldschimmernde Augen Raigo mit durchdringender Schärfe ansahen. Auch der Vorderleib und der obere Teil der Vordergliedmaßen war mit glänzenden Federn bedeckt. Der lange Löwenschweif, an seinem Ende ebenfalls schwarz gefiedert, peitschte den Boden. Lange betrachtete Raigo das herrliche Geschöpf, das ihn, ohne sich von der Stelle zu rühren, eingehend musterte. Ein heißes Gefühl von Bewunderung, Dankbarkeit und Liebe wallte in Raigo auf, das ihn jede Angst vergessen ließ. Ohne zu zögern ging er nun auf den Greif zu. Als er ihn erreicht hatte, ließ er sich vor ihm auf ein Knie nieder. Wieder erstaunte ihn die gewaltige Größe des Tieres, dessen Augen nun auf ihn herabblickten. Wie unter einem Zwang hob Raigo den Arm und legte die Hand auf das glatte Gefieder des Halses, wo es in das dichte Fell überging. Der Greif duldete die sanfte Berührung ohne Bewegung. Raigo war es, als flöße ein warmer Strom zwischen ihm und dem Geschöpf, und er hatte den Wunsch, seine Hand nie mehr von der seidigen Glätte unter seinen Fingern lösen zu müssen. Mit einem Mal jedoch erhob sich der Greif. ,Ich danke dir für das, was du für mich und meinen Bruder, den Adler, getan hast', erklang auf einmal eine Stimme in Raigos Kopf. ,Du hast uns dadurch zu Freunden und Gefährten gewonnen, die für dich ihr Leben geben würden.' "Was ist das?" stammelte Raigo. Er stand auf und griff sich mit beiden Händen an die Schläfen. ,Fürchte dich nicht!' sagte die Stimme. ,Dadurch, daß du mich berührtest, wurde das Band zwischen uns geknüpft, und nun kannst du mich hören. Denn wisse, daß wir Greifen über manche Fähigkeiten verfügen, die den Menschen unbekannt sind.' "So bist du es, der zu mir spricht?" fragte Raigo erstaunt und schaute den Greif ungläubig an. ,Ja, aber du brauchst nicht auszusprechen, was du mir sagen willst', antwortete der Greif. , Du brauchst es nur zu denken. Was von deinen Gedanken für mich bestimmt ist, werde ich immer empfangen, seist du auch noch so weit entfernt von mir. Du hast mich gerettet, und daher werde ich dich eine Zeitlang begleiten, bis ich meinem eigenen Schicksal folgen muß. Doch sieh, da kommt mein Bruder, der Adler! Auch er wird dich begleiten, und wenn du es wünschst, braucht ihr euch nie mehr zu trennen, wie wir beide es bald tun müssen.' Wirklich kam der Adler herniedergeschwebt, den Raigo über den phantastischen Geschehnissen fast vergessen hatte. Raigo hielt ihm den Arm hin. Der große Vogel setzte sich darauf und schaute Raigo mit seinen klugen Augen an. Dann wandte er seinen Blick dem Greifen zu, und die beiden schienen eine Weile stumme Zweisprache zu halten. ,Wir müssen von hier fort!' hörte Raigo dann wieder die Stimme des Greifen. ,Der Adler hat unterdessen die Gegend erkundet. Ein großer Trupp Reiter nähert sich. Die beiden von vorhin waren wohl nur die Vorhut. Sieh nach dem Pferd, das in die Felsen gelaufen ist. Du wirst es brauchen, wenn du deinen Verfolgern entkommen willst. Ich kenne deine Geschichte, denn du hast oft darüber nachgedacht, als du über uns auf dem Felsen lagst. Ich könnte dich zwar eine Strecke weit tragen, aber meine Krallen dürften nicht gerade bequem für dich sein. Darum solltest du rasch das Pferd holen.' ,Aber wird sich das Tier nicht vor dir fürchten?' fragte Raigo stumm. ,Nein', antwortete der Greif, ,denn Entsetzen verbreite ich nur dann, wenn ich es für richtig halte. Und nun eile dich! Wir haben nicht viel Zeit.' Raigo rannte davon und hatte bald das Pferd gefunden, das ruhig zwischen den Felsen stand und die Flechten von Raigos Schlafplatz fraß. Raigo führte es ins Freie und vergaß auch nicht, seinen Bogen mitzunehmen. Als er zu dem Greifen zurückkehrte, hielt dieser ihm eines der Schwerter entgegen, welche die Reiter in ihrem Entsetzen hatten fallen lassen. ,Hier, nimm das!' erklang seine Stimme. ,Du wirst es wohl brauchen, bis sich etwas Besseres für dich findet. Das andere habe ich in den Abgrund geworfen. So wird man nicht sofort sehen, was hier geschehen ist. Doch nun komm! Wir müssen uns sputen.' Raigo bestieg das Pferd, der Adler schwang sich in die Lüfte und der Greif hielt sich neben Raigo. Als diesen das verwunderte, erklärte ihm der Greif: ,Dem Adler wird man keine Beachtung schenken, und so kann er uns über alles unterrichten, was vor sich geht. Aber ich bin in der Höhe weithin zu erkennen und so auffällig, daß ich alle Blicke auf mich ziehen würde. Daher bleibe ich hier bei dir. Solange man dich nicht sieht, wird man auch mich nicht entdecken. Wenn Gefahr droht, werden die Feinde von meiner Existenz nichts ahnen, bis es für sie zu spät ist. Doch wir wollen hoffen, daß wir ungesehen entkommen.' Der Weg durchs Gebirge, den der Adler sie führte, war beschwerlich, und Raigo mußte sogar manchmal absteigen und das Pferd führen. Einmal flog der Adler zurück, um nach den Häschern zu sehen. Doch die Feinde hatten sich auf den Weg zurück nach Ruwarad gemacht und augenscheinlich die Verfolgung aufgegeben. ,Das gibt uns die Gelegenheit, deine Spur endgültig zu verwischen', meinte der Greif. ,Wir sollten auch des Nachts weiterziehen. Wir werden dann gegen Morgen den Paß erreichen. Dann kann der Adler sehen, ob dort noch Wachtposten stehen. Ansonsten müßten wir noch einmal Nachtlager machen, da wir sonst Gefahr laufen, im Dunkeln in eine eventuelle Falle zu gehen.' Raigo willigte ein, denn nach Auskunft des Adlers war der weitere Weg nun leichter zu begehen. So sahen sie, als die Sonne aufging, den Paß schon vor sich liegen. Zu Raigos Erstaunen war der Paß nicht besetzt. Wahrscheinlich war der Reitertrupp der Wachposten gewesen. Als Raigo nach einer gewissen Frist dort nicht aufgetaucht war, hatte man wohl beschlossen, nochmals das Gebirge nach ihm abzusuchen. Gegen Mittag sahen sie dann von der Höhe das weite, leicht gewellte Land von Imaran mit seinen sorgsam gepflegten Feldern, weitläufigen Waldgebieten und verstreuten Weilern und Ortschaften. Raigo kannte Imaran gut, denn er war oft mit seinem Vater dort gewesen. Außerdem war die kleine Coriane, die Nichte des Königs von Imaran, am Hof von Ruwarad aufgezogen worden. Coriane hatte früh ihre Eltern verloren, und da Raigos Mutter ihre Patin war, wuchs die Kleine unter ihrer Obhut auf, bis die Königin starb. Erst zwei Jahre zuvor hatte König Tamantes von Imaran sein Mündel wieder an den eigenen Hof zurückgeholt. Zwar hatte Raigo sich aus dem kleinen, dünnen Ding, das dazu noch viel jünger war als er, nie viel gemacht. Aber er hatte doch stets die Reise nach Imaran als willkommene Abwechslung angesehen und daher Coriane auf ihren Besuchen in der Heimat gern begleitet. So hoffte er nun, vielleicht bei Tamantes Unterstützung in seiner mißlichen Lage zu erhalten. Er war sicher, daß der Freund des Vaters ihm zumindest gute Waffen und ein wenig Reisegeld geben würde. Sicher wäre König Tamantes auch zu seiner Krönung gekommen, wenn ihn nicht eine Verwundung durch einem Jagdunfall von der Reise abgehalten hätte. ,Du brauchst dir um deine Ausrüstung keine Sorgen machen', unterbrach die Stimme des Greifen Raigos Gedanken. ,Ich werde dir die Mittel für alles beschaffen, was du nötig hast.' Raigo zuckte zusammen. Noch immer konnte er sich nicht daran gewöhnen, daß der Greif direkten Zugang zu seinen Gedanken hatte. Er fühlte sich oft unbehaglich bei der Vorstellung, daß seine geheimsten Gefühle offen vor diesem seltsamen Geschöpf ausgebreitet waren. ,Nicht deine geheimen Gedanken!' widersprach der Greif. ,Ich empfange nur das, was an der Oberfläche deines Bewußtseins liegt, so als würdest du mit dir selbst sprechen.' Raigo war etwas erleichtert. Er schaute zu dem neben ihm schreitenden Greif hinunter, und sein Blick begegnete den goldenen Augen des Tieres. Täuschte er sich, oder lag wirklich in diesem unergründlichen Blick der Anflug eines Lächelns? ,Wir kommen jetzt bald in bewohnte Gegenden, wie ich denke', sprach der Greif weiter. ,Dorthin kann ich dich jedoch nicht begleiten. Wir werden uns deshalb bald trennen müssen. Während du diese Nacht lagerst, werde ich mich für einige Zeit entfernen. Am Morgen werde ich dann noch einmal zurückkommen. Doch dann wird für mich die Gefahr zu groß, daß fremde Augen mich sehen. Das wäre gefährlich für mich, denn der Aberglaube, wer einen Greif töte, erwerbe seine Kräfte und fände einen Schatz, ist weit verbreitet. Denn auch wenn wir große Kräfte von mannigfacher Art besitzen, so sind wir doch nicht unsterblich. Aber bevor ich dich dann für lange Zeit verlassen muß, werde ich dir meinen Namen sagen, damit du mich rufen kannst, wenn du in Bedrängnis gerätst.' Raigo wählte für sein Nachtlager eine vom Weg abgelegene Senke, in der dichtes Gebüsch stand. Als es dunkelte, erhob sich der Greif in die Lüfte. Raigo sah der sich gegen den Mond abzeichnenden Silhouette der riesigen Schwingen nach, bis eine Wolke das Mondlicht auslöschte und der dunkle Schatten sich in der Nacht verlor. Der Adler hatte sich über Raigo auf einem Ast niedergelassen. Eine Weile noch spähte der Vogel angestrengt in die Dunkelheit, doch dann steckte er den Kopf ins Gefieder. Raigo schaute noch einige Zeit zu ihm hoch, doch dann fielen ihm die Augen zu. Noch im Einschlafen dachte er: ,Einen Namen! Er muß einen Namen bekommen. Warum habe ich nicht schon eher daran gedacht?' Im Morgengrauen wurde Raigo durch den Schlag schwerer Flügel geweckt. Der Greif war zurückgekehrt. In seiner Klaue trug er einen Beutel, den er Raigo vor die Füße legte. ,Nimm dieses Gold!' hörte Raigo. ,Es wird für den Anfang genügen, dir die notwendigen Dinge für deinen weiteren Weg zu beschaffen. Mehr darf ich dir nicht geben. Alle Greifen wissen zwar um große Schätze, aber sie sind nur ihre Hüter und dürfen sie niemandem zeigen. Schon im Leib meiner Mutter war mir meine Aufgabe bestimmt, und nun muß ich fort, um dieser Bestimmung zu folgen. Darum höre nun meinen Namen, der mir ebenfalls angeboren ist. Ich heiße Phägor. Nimm nochmals meinen Dank für alles, was du für mich und meinen Bruder getan hast. Gerätst du in Gefahr, wird der Adler dir beistehen, soweit es in seiner Kraft liegt. Doch reicht diese Hilfe nicht aus, und siehst du keinen anderen Ausweg, so rufe meinen Namen. Auf den Flügeln des Sturms werde ich dann zu dir eilen. Und nun - leb' wohl! Mögen die Götter schützend ihre Hand über dich halten!' Sekunden später schwebte er schon hoch über Raigo. Er stieß einen hellen Schrei aus, den der Adler beantwortete. Raigo hob die Hand zum Abschied. Tränen standen in seinen Augen, als das wunderbare Geschöpf hinter den Wipfeln der Bäume verschwand. Lange noch stand der junge Mann da und schaute in die Richtung, in die Phägor geflogen war. Hatte er das alles nicht nur geträumt? Doch da riß ein Laut des Adlers Raigo aus seinem Sinnen. Nein, er hatte nicht geträumt! Dort saß der Adler auf seinem Ast, und hier vor seinen Füßen lag der Beutel, den der Greif mitgebracht hatte. Raigo bückte sich und hob ihn auf. Das Leder war alt und brüchig, und als er versuchte, die Schnur des Verschlusses aufzuziehen, zerfiel sie in seinen Händen. Er schüttelte den Beutel, und etliche Münzen fielen in seine Handfläche. Die Prägung war Raigo völlig unbekannt, doch ohne Zweifel waren es Goldstücke. Ihr Wert war nicht gering, und er wußte nun, daß er sich wirklich um sein Fortkommen in der nächsten Zeit keine Gedanken zu machen brauchte. Nur eines machte ihm Kopfzerbrechen: Ließe er sich in seinem jetzigen Aufzug in einer Stadt sehen und bezahlte mit Gold, würde man ihn für einen Dieb und Vagabunden halten und sehr schnell einsperren. Als er aus dem Schloß fliehen mußte, war ihm nicht einmal die Zeit geblieben, auch nur einige Münzen einzustecken. Er hatte ja nicht einmal Zeit gehabt, seine seidenen Schuhe, die schon nach kurzer Zeit in Fetzen von seinen Füßen hingen, gegen Stiefel zu vertauschen. Raigo sah an sich hinunter. Nein, so konnte er sich unmöglich unter Menschen sehen lassen! Es gab nur eine Möglichkeit: Er mußte in irgendeinem abgelegenen Gehöft Kleidung und Schuhwerk stehlen und eines der Goldstücke als Bezahlung zurücklassen. Eine Gelegenheit zu diesem Diebstahl, der dem Bestohlenen noch Gewinn bringen würde, ließe sich bestimmt finden. So sattelte Raigo sein Pferd und saß auf. Der Adler hatte unterdessen im Feld einen jungen Hasen geschlagen, den er nun genüßlich zerriß. "He!" rief Raigo. "Du hättest mir ruhig etwas abgeben können. Aber nun komm, wir wollen aufbrechen!" Der Adler ließ die Reste seiner Mahlzeit fallen und flog auf Raigos ausgestreckten Arm. Da das Tier es sich angewöhnt hatte, sich dort niederzulassen, hatte Raigo den Arm mit einem Stück Fell umwickelt, damit ihm die scharfen Krallen nicht ins Fleisch schnitten. Als Raigo zum Weg zurückritt, fiel ihm ein, daß er dem Adler einen Namen hatte geben wollen. Angestrengt dachte er nach. Der Name sollte kurz sein, und er mußte gut klingen, denn der Adler war ein prächtiges Tier. "Ja, ich hab's!" rief Raigo aus. "Ich werde dich Argin nennen. Argin heißt Pfeil in der Sprache von Imaran, und mit dem Pfeil fliegst du um die Wette. Gefällt dir der Name?" Der Adler neigte den Kopf zur Seite und sah Raigo mit seinen gelben Augen wie prüfend an. Dann lüftete er leicht die Schwingen, so daß es aussah, als zöge er gleichmütig die Schultern hoch. Raigo lachte. "Nun gut, wenn du nichts dagegen hast, dann bleibt es bei Argin." |
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