Fantasyromane von Gabriel Galen

Das Orakel von Antara

Erstes Kapitel

Der Schein der beiden spärlich züngelnden Lagerfeuer warf düstere, unruhige Schatten über die Schar der erbärmlichen Gestalten, die eng aneinander gepreßt versuchten, ein wenig Wärme und Schutz vor der schneidenden Kälte zu erhaschen. Doch der eisige Wind, der die Schneeflocken in dichtem Wirbel herantrieb, entriß den Flammen die lebenspendene Wärme, sog sie auf und erstickte fast völlig ihren tröstlichen Schein. Sehnsüchtig flogen die Blicke der frierenden Menschen zu den fünf hell lodernden Feuern hinüber, an denen es sich ihre Peiniger gemütlich gemacht hatten, warm in die erbeuteten Pelze gehüllt, geschützt vor dem Wind durch die dunkle Masse der Pferdeleiber. Das dicke, zottige Fell der Tiere hielt die Kälte ab, und der beißende Wind und das Schneetreiben schien sie nicht zu stören. Trotzdem waren die Pferde unruhig. Der Geruch der Krieger an den beiden großen Wachfeuern war ihnen fremd, und die Sieger hatten Mühe gehabt, die erbeuteten Rosse gefügig zu machen. Auch mit deren Herren, von denen sie nur noch wenige in die Gefangenschaft führen konnten, waren sie nur unter hohen Verlusten fertig geworden. Die Männer hatten nicht aufgehört zu kämpfen, bis sie todwund zu Boden sanken, und ihre Frauen waren von eigener Hand umgekommen, nachdem sie ihren Kindern selbst den Tod gegeben hatten, um ihnen das grausame Schicksal der Sklaverei im fernen Moradon zu ersparen. Nur acht Männer und neunzehn Frauen der Antaren kauerten an den beiden kleinen Feuern, doch von den Männern waren drei schwer verletzt und würden den Weg nach Moradon wohl nicht überstehen. Auch zwei Kinder führten die Antaren mit sich, Säuglinge noch, die zwei der Frauen unter ihren Lumpen dicht an sich gepreßt hielten, um sie vor dem eisigen Wind zu schützen.

Flüsternd beugte sich nun einer der Antaren zu der neben ihm sitzenden Frau.

"Gib mir den Knaben", hauchte er . "Wenn die Moradonen schlafen und nur noch wenige auf Wache stehen, werde ich versuchen zu entfliehen. Du weißt, entdecken sie, daß er der Sohn von Waskor ist, werden sie ihn töten. Doch dann ist unsere Hoffnung auf Vergeltung und Befreiung für immer erloschen."

"Aber wie willst du das schaffen?" wisperte die Frau zurück. "Die Krieger werden uns nicht aus den Augen lassen, und außerdem bist du verwundet. Wie willst du ohne Pferd entfliehen? Und dann - wohin willst du

fliehen? Auch die Nachbarstämme unseres Volkes sind von den Moradonen aufgerieben worden. Es kann Wochen dauern, bis du auf bewohnte Siedlungen stößt. Wie willst du dich und den Knaben jetzt in dieser Zeit ernähren?"

"Ich werde nicht ohne Pferd fliehen!" antwortete der Mann. "Wenn es mir gelingt, ungesehen aus dem Lager zu kommen, werde ich meinem Pferd pfeifen. Carn ist ein kluges Tier. Vielleicht merkt niemand, daß er sich entfernt. Sie haben die Tiere noch nicht abgesattelt und sie auch nicht angebunden. Ich sah, daß an Carns Sattel noch ein Beutel mit Verpflegung hängt. Das muß reichen, bis ich den Knaben in Sicherheit gebracht habe. Ich werde es schon schaffen!"

"Du hast Recht, Phyrras!" flüsterte die Frau. "Und du mußt es schaffen! Die Tätowierung auf der Brust des Kindes wird sich nicht lange verheimlichen lassen. In der Hauptstadt Blooria würde man bald merken, wessen Sohn das ist."

"Ruhe, ihr Gesindel!" brüllte da der Anführer der Moradonen. "Wenn ich noch einen Laut von Euch höre, lasse ich euch alle peitschen!"

Zähneknirschend schwiegen die Gefangenen. Doch da sie Phyrras' Worte vernommen hatten, rührten sie sich nicht mehr, um seinen Plan nicht zu gefährden. In Decken und Pelze vermummt lagen die Moradonen rund um die Feuer, die von den Wachen hier und da mit Holz versorgt wurden, damit sie nicht völlig niederbrannten. Die spärlichen Flämmchen bei den antarischen Gefangenen waren schon lange erloschen, und über den dicht aneinandergedrängten Gestalten lag Dunkelheit und eine dünne Schneedecke. Die Moradonen hatten nur zwei Wachen aufgestellt, denn es schien ihnen völlig unmöglich, daß einer der Gefangenen ohne Ausrüstung und Verpflegung in die eisige Wildnis entfliehen würde. Ja, weiter südlich würde man mehr auf der Hut sein müssen, doch hier war der unbarmherzige Winter der beste Gefangenenwärter. So waren die beiden Posten auch nicht sehr aufmerksam, sondern dösten am Feuer vor sich hin.

So entging ihnen die leise Bewegung bei den Antaren, als Phyrras nun im Schutz der Dunkelheit davonkroch, das Kind unter seiner Kleidung fest an den Leib gebunden. Erst als das dichter werdende Schneetreiben und einige Felsbrocken ihn der Sicht der Wächter vollends entzogen, wagte er es, sich aufzurichten. Im Bogen umschlich er das Lager, um hinter die Pferde zu kommen. Er konnte sie nicht sehen, aber durch das anwachsende Heulen des Windes hörte er schwach das dumpfe Stampfen ihrer Hufe. Sein leiser Pfiff ging im Geräusch der Nacht fast unter, doch eines der Pferde spitzte die Ohren. Langsam löste es sich aus dem Verband der Herde, und bald hatte das Schneetreiben seine Umrisse verschluckt.
Drei Tage lang kämpfte sich Phyrras nun schon nach Osten. Zu seiner großen Erleichterung hatte der Schneesturm nur noch kurze Zeit angehalten, doch er hatte ausgereicht, die Spur des Flüchtlings völlig zu verwischen. Aber obgleich das Wetter nun klar war, kam er nur mühsam voran. Der tiefe Schnee hemmte den Lauf des Pferdes und ermüdete das Tier, und Phyrras selbst merkte, daß auch er immer größere Pausen brauchte und es ihm von Rast zu Rast schwerer fiel, sich wieder in den Sattel zu ziehen. Seine ungenügend versorgten Wunden und der Blutverlust hatten ihn geschwächt. Er flehte zu den Göttern, daß sie ihm wenigstens so viel Kraft verliehen, das Kind in Sicherheit zu bringen. Und als ob der Knabe spürte, daß der Mann ihm nur wenig Aufmerksamkeit widmen konnte, lag er meist still an Phyrras' Brust und begann nur hier und da leise zu wimmern, wenn sein Hunger übermächtig wurde. Dann schob ihm der Mann zerkautes Trockenfleisch oder zerbröselten Schafskäse in den Mund oder flößte ihm etwas von dem mit saurem Wein verdünnten Wasser ein, das er in einer Lederflasche unter seinem zerrissenen Mantel trug. Der ungewohnte Trank wärmte den Knaben und schläferte ihn bald wieder ein, so daß er Phyrras bei seinem Ritt kaum behinderte. Der vierte Tag neigte sich seinem Ende zu, als plötzlich wieder Schneetreiben einsetzte. Phyrras war verzweifelt. Er spürte genau, daß er am Ende seiner Kräfte war und eine weitere Nacht im eisigen Sturm nicht überleben würde. Er hatte gehofft, den Fluß zu erreichen, an dessen Ufer verstreut einzelne Gehöfte lagen, die bisher von den Beutezügen der Moradonen verschont geblieben waren. Unter normalen Umständen hätte er den Fluß in drei Tagen erreichen müssen, doch er war nur langsam vorangekommen. Sollte er denn so kurz vor dem Ziel scheitern? Carn versank bereits fast bis zur Brust in den hohen Schneewehen. So glitt Phyrras aus dem Sattel und kämpfte sich zu Fuß weiter durch den Schnee, den Knaben fest an sich gepreßt. Das Pferd folgte seinem Herrn wie ein treuer Hund. Mehrmals stolperte Phyrras. Immer wieder rang er sich hoch, und der eiskalte Wind schnitt wie mit Messern in seine keuchenden Lungen. Wieder fiel er, und der tiefe Schnee umfing seine ermatteten Glieder wie eine sanfte Umarmung. Wenn er doch nur eine Weile so liegenbleiben könnte! Es war gar nicht kalt hier auf dem weichen Schneelager, nein - im Gegenteil - hier zerrte der Wind nicht mit frostigen Krallen an seiner Kleidung, schnitten die vorangepeitschten Schneekristalle nicht in seine Haut wie feine Klingen! Eine wohlige Wärme begann sich in seinem Körper auszubreiten. Zarte Melodien klangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr und erfüllten ihn mit Frieden und Ruhe. Eine sanfte Mattigkeit zog durch seinen Körper und ließ seine Augenlider schwer werden. Ja, schlafen, nur eine kleine Weile, dann würde er erfrischt wieder weiterreiten können. Er schloß die Augen, und wie der sanfte Schatten der Abenddämmerung senkte sich langsam der Schlaf des Todes über Phyrras. Doch ehe der Schatten sein Herz erreicht hatte, riß ihn das laute Gebrüll des Knaben aus seiner Erstarrung. Das Kind, das all die Zeit stets nur leise geweint hatte, schrie wie am Spieß. Voll Entsetzen fuhr Phyrras hoch. Hatte er wirklich hier im Schnee schlafen wollen? Schaudernd erkannte er, wie nahe er an der Schwelle des Todes gestanden hatte . Nur das Geschrei des Knaben hatte ihn davor bewahrt, weiter in dem verhängnisvoll wohligen Traum kurz vor dem Erfrieren unterzugehen. Mit letzter Anstrengung raffte er sich auf. Taumelnd stolperte er weiter. Sein Denken setzte aus, und nur noch mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen. Jedes Gefühl war aus ihm gewichen. Nur ein unbewußter Drang trieb ihn weiter, jenseits jeder Hoffnung, nur noch beseelt von dem inneren Zwang, nicht aufgeben zu dürfen. Doch wie mit einem Schlag war plötzlich alle Energie seines ausgepumpten Körpers erschöpft. Einige Sekunden stand er noch reglos da, dann brach er wie vom Blitz gefällt zusammen. Das laute Weinen des Kindes erreichte sein Bewußtsein nicht mehr.
Loran, der Bauer, saß am lodernden Feuer des Kamins und schnitzte an einer neuen Angelrute. Von Zeit zu Zeit hob er den Kopf und lauschte auf das Tosen des Schneesturms, dessen heulendes Pfeifen sogar das Klappern des Webstuhls übertönte, den die fleißigen Hände seines Weibes Mara ständig in Bewegung hielten. Loran hoffte inständig, der Sturm würde sich legen, sonst würde er morgen die Löcher nicht mehr wiederfinden, die er mit viel Mühe in das dicke Eis des Flusses geschlagen hatte. Doch das Brausen ließ nicht nach, und Loran wurde immer mißmutiger. Plötzlich hob der große Hund, der friedlich zu seinen Füßen geschlafen hatte, den Kopf. Mit einem Satz war das Tier auf den Füßen und lief aufgeregt zur Tür. Jaulend begann er an der Tür zu kratzen.

"Was ist denn los, Bolder?" rief Loran und stand auf.

Der Hund kam zu ihm gelaufen und schnappte nach dem Zipfel von Lorans Jacke. Ungeduldig zog er seinen Herrn zur Tür.

"Er will dir irgend etwas zeigen", sagte Mara. "Sieh nur, wie aufgeregt er ist! Oh je, jetzt hat er mit seiner Jaulerei auch noch Reven aufgeweckt, und ich war so froh, daß der Junge endlich schlief."

Sie ging zu der Wiege in der Ecke und nahm das schreiende Kind auf. Während sie den Knaben im Arm wiegte, sagte sie etwas ungeduldig zu ihrem Mann:

"Nun geh' schon mit dem Hund! Du siehst doch, daß er keine Ruhe gibt. Bei dieser Aufregung hier bekomme ich das Kind nie still. Und wer weiß, was Bolder gewittert hat? Vielleicht schleichen Wölfe um den Stall, also gibt acht!"

Loran zog den schweren Schafpelz vom Haken und warf ihn sich über. Dann knotete er einen Strick an Bolders Halsband und öffnete die Tür. Sofort riß der Sturm ihm die Tür aus der Hand und ein Schwall eisiger Luft trieb wirbelnde Schneeflocken ins Zimmer. Rasch eilte Loran hinaus, während Mara - mit dem Kind auf dem Arm - schnell wieder den Riegel hinter im vorschob. Bolder zog gewaltig an der Leine, und Loran folgte dem ungestüm vorandrängenden Tier in das dichte Schneetreiben hinein. Plötzlich blieb Bolder jedoch stehen und begann an einem Schneehaufen zu scharren, der sich im Licht von Lorans Sturmlaterne nur wenig von der umgebenden Schneedecke abhob. Loran setzte die Laterne in den Schnee und beugte sich vor. Einen Augenblick starrte er entsetzt auf die aus dem Schnee ragende Hand, die das Wühlen des Hundes freigelegt hatte. Doch dann kniete er nieder und begann den zugewehten Körper auszugraben. Als er den Fremden aus der Verwehung gezogen hatte, entdeckte er zu seiner Verblüffung das Kind, das der Mann unter seiner Kleidung festgebunden hatte. Ein dünnes, kaum hörbares Wimmern bezeugte, daß das Kleine noch lebte. Auch der Mann war nicht tot, was Loran nach kurzer Untersuchung feststellte. Rasch band er das Kind los und eilte mit ihm zurück zu seinem Haus. Er wollte zuerst den Säugling retten, da er beide auf einmal nicht hätte tragen können. Bolder schien die Absicht seines Herrn zu verstehen, denn als Loran mit dem Kind davonlief, legte sich der große Hund eng an den Körper des Fremden, um ihn zu wärmen, bis Loran zurückkam. Mara war vor Überraschung sprachlos, doch sie hatte sich schnell wieder gefangen. Ohne ein Wort der Frage nahm sie ihrem Mann das Kind aus den Armen und legte es in der Nähe des Feuers nieder. Als Loran erneut in die Nacht hinausstürmte, war sie bereits dabei, in einer großen Holzschüssel ein warmes Bad zu bereiten. Das Kind lag schon wohl versorgt und in Decken gehüllt auf der Kaminbank, als Loran den starren Körper des Fremden in die Stube schleppte. Mit vereinten Kräften bemühten sie sich um den Bewußtlosen und erschraken heftig, als sie seine schweren Verwundungen freilegten.

"Woher mag er wohl gekommen sein , und was ist ihm widerfahren?" rätselte Loran. "Es sieht so aus, als sei er mit dem Knaben aus einem Überfall der Moradonen geflüchtet. Sollten diese Bestien jetzt schon so weit nach Norden kommen? Dann mögen die Götter uns beschützen!" "Was auch geschehen sein mag, ich glaube nicht, daß er die Nacht übersteht." Mara schüttelte sorgenvoll den Kopf. "Er muß viel Blut verloren haben. Es ist mir ein Rätsel, wie er mit diesen Wunden und mit dem Kind auf dem Arm durch den Schneesturm gelaufen ist."

"Vielleicht hatte er ein Pferd, und dieses ist unter ihm zusammengebrochen", mutmaßte Loran. "Wenn er geflohen ist - wie es ja aussieht - dann hat er das Tier nicht schonen können. Wenn der Schneesturm am Morgen nachgelassen haben sollte, werde ich danach sehen. Vielleicht ist es noch zu retten, ansonsten können wir zumindest sein Fleisch verwerten. Und wenn der Mann ein Pferd hatte, finden sich bei dem Tier vielleicht Hinweise auf seine Herkunft. Seiner Kleidung nach gehört er zu den westlichen Stämmen. Aber hoffen wir, daß die Götter ihm gnädig sind und er mit dem Leben davonkommt. Dann werden wir bald erfahren, wer er ist und woher er kommt. An dem Knaben haben die Götter bereits ein Wunder getan, denn daß das Kind noch lebt und anscheinend keinen Schaden davongetragen hat, ist mehr als Glück."

"Und was für ein hübscher Kerl der Kleine ist!" lächelte Mara. "Er scheint etwas älter zu sein als unser Reven, denn er ist größer und kräftiger."

In den Augen der jungen Frau stand ein zärtlicher Ausdruck, und Loran lachte seinem Weib zu.

"Du freust dich wohl schon darauf, zwei Söhne großzuziehen", schmunzelte er. "Meinst du nicht, daß Reven dir schon genug Arbeit macht? Warte erst einmal ab und schließ' den kleinen Kerl nicht so fest in dein Herz. Wenn der Fremde überlebt, wird er seinen Sohn wohl wieder mit sich fortnehmen."

Mara seufzte. "Ich würde es ihm wohl wünschen", sagte sie, "aber ich habe wenig Hoffnung für den Mann. Doch laß' uns nun schlafen gehen. Wir können nichts weiter tun als abwarten."

Gegen Morgen erwachte Loran, weil der Fremde sich auf seinem Lager gerührt hatte. Der Schneesturm hatte aufgehört, und im fahlen Licht der Morgendämmerung erkannte Loran, daß der Mann sich aufzurichten versuchte. Rasch stand Loran auf und kniete neben dem Fremden nieder.

"Bleib' liegen", sagte er, "du bist bei Freunden und in Sicherheit, und deinem Söhnchen geht es gut." Ein mattes Lächeln der Erleichterung zog über das bleiche Gesicht des Mannes, und er sank mit einem Seufzer zurück.

"Das ist gut!" murmelte er. "So ist es mir mit der Gnade der Götter doch gelungen, den Knaben zu retten."

Er schloß die Augen und lag einen Augenblick still da. Dann jedoch trat ein gehetzter Ausdruck in sein Gesicht. Er griff nach Lorans Hand und schaute ihn eindringlich an.

"Hör' mir zu", bat er, "denn ich fühle, daß mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich bin Phyrras, der Schwertbruder Waskors, des Fürsten der nördlichen Stämme und Hochkönigs von Antara. Moradonen überfielen uns auf einem ihrer Sklavenzüge, doch es gelang uns, sie in die Flucht zu schlagen. Doch als der größte Teil unserer Männer sie verfolgte, um sie vollends aufzureiben, wurde die nur noch schwach besetzte Siedlung von einer weiteren Schar überrannt, die im Hinterhalt gelauert hatte. Waskor fiel im Kampf, wie die meisten der zurückgebliebenen Männer. Als die Frauen sahen, daß es keine Hoffnung mehr gab, töteten sie ihre Kinder und dann sich selbst, um der Sklaverei zu entgehen. Nur wenige von uns gerieten lebend in die Hände der Feinde. Eine der Frauen, Finia, Waskors Schwester, hatte den kleinen Yorn an sich genommen, seinen Sohn. Bei der Geburt des Knaben hatte es seltsame Zeichen gegeben, und die Seher hatten folgendes verkündet: Das Volk der Antaren würde untergehen, wenn dieses Kind vor seinem zwanzigsten Jahr den Tod fände. Finia nahm daher die Schmach der Sklaverei auf sich und lieferte sich mit dem Knaben, den sie als ihren Sohn ausgab, den Feinden aus. So hoffte sie, mit dem Leben des Kindes auch den Fortbestand unseres Volkes zu retten. Doch ich wußte, daß die Tätowierung auf Yorns Brust ihn bald als Waskors Sohn entlarven würde. Daher mußte ich mit ihm fliehen. Ich danke den Göttern, daß du uns gefunden hast. Aber nun liegt die Verantwortung für den Knaben in deinen Händen, da ich ihn nun nicht mehr schützen kann."

Mit gewaltiger Anstrengung hob sich Phyrras sich halb hoch, und seine Hände krallten sich in Lorans Schultern. Waren seine Worte bisher schon stockend und mit langen Pausen hervorgestoßen worden, so wurden sie nun fast von seinem schmerzvollen Keuchen verschlungen.

"Versprich mir ........ sorge für ihn ......... er ist die letzte Hoffnung .......... nur durch ihn ........... Antara kann nur durch ihn gerettet werden ........ mein Pferd ......... unter dem Sattel .........."

Phyrras' Lippen bewegten sich noch, doch seine Stimme versagte. Dann erschlaffte der Griff seiner Hände und er fiel auf das Lager zurück. Und dann schauten Loran nur noch in die gebrochenen Augen eines Toten.

Während Phyrras sprach, war Mara erwacht und hinter Loran getreten. So hatte sie den Schluß des Berichts mit angehört. Nun schlug sie entsetzt die Hände vor den Mund.

"Oh, ihr Götter!" stöhnte sie. "Mußten ausgerechnet wir diejenigen sein, denen diese Verantwortung aufgebürdet wird? Waskors Sohn! Wie sollen ein einfacher Bauer und sein Weib ein Fürstenkind erziehen? Und wie sollen wir ihn vor den Gefahren schützen, die ihn bedrohen? Oh Loran, dieser Aufgabe sind wir nicht gewachsen! Wir müssen jemand anderen finden, der Yorn bei sich aufnimmt."

Nachdenklich sah Loran sie an. Dann zog er sie an sich und strich ihr aufmunternd über das nachtdunkle Haar, das vom Schlaf zerzaust über ihre Schultern bis zur Taille hing.

"Nein, das geht nicht, Mara!" erwiderte er dann. "Wollten wir ihn jemand anderem anvertrauen, gäbe es schon wieder einige Leute mehr, die sein Geheimnis kennen. Je mehr Menschen aber von seiner Herkunft wissen, um so größer ist die Gefahr, daß ihn jemand verrät. Sieh mal, Phyrras war verwundet, als er mit Yorn floh. Selbst wenn die Moradonen herausbekommen, wen er auf seiner Flucht mitnahm, so werden sie doch glauben, Phyrras und der Knabe seien im Schneesturm umgekommen. Niemand weiß doch, daß wir ihn fanden. Wir werden den Knaben als unseren eigenen Sohn aufziehen! Das wird keinem auffallen, denn ich war das letzte Mal vor Revens Geburt in den Ansiedlungen flußabwärts, und niemand weiß, ob du einen oder zwei Knaben geboren hast. Wächst Yorn nun als unser Sohn auf, wird er zumindest vor Verrat sicher sein, wenn wir ihm auch nicht die Erziehung geben können, die ihm gebührt. Wenn er mit der Güte der Götter sein zwanzigstes Jahr erreicht hat, werden wir ihm seine Herkunft enthüllen. Von da an muß er dann seinen Weg gehen, den ihm das Schicksal weist. Solange werde ich jedoch alles tun, was in meiner Macht steht, um ihn vor allem Übel zu bewahren. Bedenke, auch wir gehören zum Volk der Antaren, und somit ist unser Schicksal mit dem seinen untrennbar verknüpft."

"Aber er scheint einige Wochen älter zu sein als Reven", warf Mara immer noch skeptisch ein. "Und dann - du vergißt die Tätowierung! Wie willst du sie erklären? Und wie willst du erklären, daß dein einer Sohn die Königsnarben trägt und der andere nicht? Du weißt, was demjenigen droht, der diese Zeichen fälscht."

"Auch gleichgeborene Kinder sind sich nicht immer ähnlich", beruhigte Loran sein Weib, "und in wenigen Monaten wird der Altersunterschied kaum noch sichtbar sein. Und was das Zeichen anbelangt - auch in Revens Haut werde ich es einschneiden. Und Yorns Tätowierung ist noch so frisch, daß man nach einiger Zeit nicht mehr erkennen wird, daß einer der Knaben das Zeichen später erhielt als der andere. Nur wenige Menschen wissen, wie das Königsmal aussieht. Hätten wir es denn gewußt, wenn Phyrras uns nicht gesagt hätte, was die Narben bedeuten?"

"Aber bringst du damit nicht auch Reven in Gefahr?" fragte Mara bang. "Was, wenn ihn darum jemand für Waskors Sohn hält?"

"Wer kümmert sich schon um die Schmucknarben eines Bauernburschen?" verwarf Loran ihre Bedenken. "Es bleibt dabei, Mara! Ab heute bist du die Mutter zweier Söhne. Und sei ehrlich, so unangenehm ist dir das nicht, denn ich habe ja gesehen, wie du den hübschen kleinen Kerl angesehen hast."

Über Maras sanftes Gesicht zog ein zärtliches Lächeln. "Du hast recht!" sagte sie. " Ich liebe ihn jetzt schon, zumal ihm ein solches Unglück widerfahren ist und er keine Eltern mehr hat. Ich werde ihm all meine Liebe schenken, um ihm ein wenig von dem zu ersetzen, was er verlor."

Loran zog sie fest in seine Arme. "Was für ein Glück ich habe, dich gefunden zu haben!" flüsterte er in ihr Ohr. "Und was für ein Glück für Yorn und die Antaren!" Dann schob er sie sanft von sich und sagte:

"Aber nun muß ich Phyrras' Leiche im Wald unter dem Schnee verbergen, damit niemand sie findet. Wenn der Boden wieder aufgetaut ist, werde ich ihn an einem verschwiegenen Platz begraben. Und ich muß sein Pferd suchen. Irgend etwas muß unter seinem Sattel verborgen sein, was für Yorn wichtig ist. Welch ein Unglück, daß Phyrras uns nicht mehr sagen konnte!"

Während Mara die beiden Knaben versorgte, machte Loran sich an seine traurige Pflicht. Als er zurück kam, sattelte er eines seiner beiden Pferde, pfiff Bolder und machte sich auf die Suche nach Phyrras' Pferd. Nachdem er drei Stunden durch die tief verschneite Gegend geritten war, fand der Hund das Pferd. Das Tier war in einer Schneewehe stecken geblieben und hatte sich - erschöpft wie es war - nicht mehr daraus befreien können. Der eisige Schneesturm hatte dann ein übriges getan, und das treue Roß war erfroren. Nach dem Loran den Schnee beiseite geräumt und die hartgefrorenen Riemen des Sattelzeugs zerschnitten hatte, zerrte er den Sattel herunter. Zwischen Satteldecke und Sattel fand er ein gefaltetes Pergament, das in ein dünnes Tuch eingeschlagen war. Als er es entfaltete, stellte er fest, daß es eine Landkarte war. Doch Loran war nie weit von seinem Hof fort gewesen, so daß er nicht hätte sagen können, welches Gebiet die Karte zeigte. Doch da Phyrras diese Karte wichtig gewesen zu sein schien, beschloß er, sie sorgsam aufzubewahren und sie Yorn zu übergeben, wenn die Zeit gekommen war. Wenn die Götter den Knaben zu etwas Besonderem ausersehen hatten, würden sie wohl auch dafür Sorge tragen, daß Yorn die Bedeutung der Karte erfuhr. Dann bedeckte er das Pferd wieder mit Schnee und machte sich auf den Heimweg.


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